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Architektur regressiv: zurück in die Höhle

Die sogenannten Stadthäuser in Leipzig

Stadthäuser in Leipzig heißen kleine Einfamilienhäuser, auch ohne Garten, die in Baulücken, die die Royal Airforce und die US Airforce schufen,  eingepasst werden. Der Bau der Häuser wird von der Stadt Leipzig als Stadtentwicklungsmaßnahme auch finanziell gefördert. In den Häusern sollen überwiegend Kleinfamilien wohnen.

Walter Benjamin schrieb über die Wohnung im 19. Jahrhundert, dass sie den Menschen „mit all seinem Zubehör so tief in sie ein(bettete), dass man ans Innere eines Zirkelkasten denken könnte, wo das Instrument mit allen Ersatztteilen, in tiefe, meistens violette Sammethüllen gebettet, daliegt.“
Benjamin beschreibt die Wohnungen als eher dunkel, mit Hüllen und Etuis für Alles, mit Vorhängen.

Die Wohnung ist vor allem privat, persönliche Gegenstände können stehen, liegen und hängen wo Platz ist; es gibt im besten Fall einen öffentlichen Raum, der Salon, „die gute Stube“, vorgesehen für Besuch, zu repräsentativen Zwecken möglicherweise auch reichlich dekoriert mit Kunstgegenständen, Souvenirs oder Trophäen.

Benjamin verteidigt vor diesen Rückzugsorten die moderne bürgerliche Architektur. Seine Begründung ist, dass Besucher in den geleertem Räumen eher einen Platz finden können.     Dies sieht er als fortschrittlich und demokratisch an.
Ich meine, dass eine „aufgeräumte“, helle Wohnung nicht nur besucherfreundlich ist sondern auch Ausdruck eines anderen Denkens ist. Die Wohnung ist nicht ausschließlich privat sondern ein Raum für Begegnungen, die Gesellschaft wird mitgedacht und eingeplant, nicht ausgesperrt.

Ein Raum, der eine Galerie von Familienfotos ist, oder ein Raum, der den Musikgeschmack, die Belesenheit etc. des Bewohners demonstrieren soll gehört eigentlich ins vorletzte Jahrhundert. Die nekrophile Bürgerlichkeit meint bürgerlich zu sein indem sie anachronistische Formen und Denkweisen nachahmt. Möglicherweise ist vielen die Intimität des Wohnens nicht bewusst, sie wird verdrängt und findet Niederschlag in der Benimmregel sich nicht dort umzuschauen, wo das Schauen herausgefordert wird.

Der Raum für Besuch ist in einigen der Leipziger Stadthäusern nicht gedacht, es gibt nur kleine Fenster zur Straße, größere und bis zum Boden reichende nur zum Hof oder Garten. Das Auto hat ein eigenes kleines Haus, die Garage, möglicherweise sogar im Parterre. Einen kleinen Kasten im Kasten, little boxes, mit Zubehör darin. Die Vorhänge und Gardinen sind abgeschafft (oder eingespart?), dafür sind die Fenster kleiner und seltener als in den Altbauten gegenüber. Für weitere Fotos dient der Link oben.

 

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4 Responses

  1. Booga sagt:

    speaking of boxes … http://www.channelbeta.net/2010/01/house-o-jun-igarashi-associates/

    Ich meine, dass eine „aufgeräumte“, helle Wohnung nicht nur besucherfreundlich ist sondern auch Ausdruck eines anderen Denkens ist. Die Wohnung ist nicht ausschließlich privat sondern ein Raum für Begegnungen, die Gesellschaft wird mitgedacht und eingeplant, nicht ausgesperrt.

    faszinierende theorie, weil es wieder nur um ein entweder-oder geht. und auch, weil ein grundsätzlich positives, bereicherndes potential der gesellschaft vermutet wird.

  2. bechstein sagt:

    Wenn ich Architektur, die das Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft mitdenkt, für fortschrittlich halte, ist alles, was hinter diese Errungenschaft zurückfällt schlecht. Das ist aber kein Entweder-Oder, weil ich nicht glaube, dass es nur eine richtige Lösung gibt, oder anders gesagt: Architektur heute müsste dasselbe leisten was moderne Architektur im 20. Jahrhundert eingeleitet hat.
    Ich meine nicht, das Gesellschaft grundsätzlich eine positive Kategorie ist, nur dass ein Ausschluss, oder gar die Ignoranz gegenüber dieser
    fatal ist, da sie nicht die Individualisierung fördert sondern Vereinzelung.

    Ich finde auch die linke/islamistische Kommune oder den Aussteiger-Biohof regressiv. Das sollten sich auch Autonome hinter die Ohren schreiben: Wer nicht im Glashaus wohnt, sollte nicht mit Steinen werfen.

  3. Booga sagt:

    und während ich vor lachtränen kaum das popcorn finde fällt mir noch ein verweis ein, du wirst die kommentare lieben: http://unhappyhipsters.com

    lang lebe die imperativindividualisierung!

  4. bechstein sagt:

    Machst du dich etwa über meine Ideologie lustig?
    Die habe ich jahrelang in mühevoller Kleinarbeit zusammengeklebt und angemalt! Ich setze die Reihe mit Le Corbusier fort, da kommen wir schon noch auf die negative Seite der Moderne zu sprechen.
    (Zur Freud und zum Trost aller Altbautenbewohner inkl. mir selbst.)

    Der Link ist toll, bei Blogrollerweiterung gleich unter http://www.ichwerdeeinberliner.com/

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