athene noctua

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strigidae

Das aktuelle Aufstoßen

Bild: SWR/Merkel, Cover: der Nautilusausgabe

Gegen jede Vernunft handelnd habe ich dieses Geschreibsel überflogen. Ich weiss, dass ich mit meinem Kommentar zu spät für den Hype um dieses Pamphlet bin und keine großartigen Erkenntnisse dazu verbreiten kann. Was auch gar nicht möglich ist: die ganze Sache ist zu banal (s. Bild).

Der erste Teil ist noch nicht einmal Entfremdungskritik (die einen Begriff von Entfremdung haben müsste), sondern Kulturniedergangsgeschwafel der schlimmsten Sorte, Kultur„kritik“ auf Adbusters-Niveau in einer Sprache, die sich keiner Phrase zu Schade ist. Ich wage nicht, zu zitieren, es ist gar nicht nötig, diese Obszönität selbst zu lesen, für alle Masochisten. Alle anderen mögen sich einen Text vorstellen, der alles sammelt, was es in der Geschichte der Moderne an reaktionären, kleinbürgerlichen und schlicht idiotischen Gedanken gegen die Moderne selbst gab und dazu noch allerlei Unfug: die Idealisierung des Sich-durch-Wurschtelns, des Diebstahls, des Betrugs; das Geseier über das menschliche Dasein; Narodniki; Hegel (nicht gelesener); Marx (besser nicht gelesener); Antiimperialismus; eugenische Ökologie; Idealisierung der Kommune; Hass auf Vermittlung; Autarkie; Aufbau einer Alternativgesellschaft etc. etc. etc. pp.

Ein derartiger Eklektizismus geht natürlich super mit der geplanten Bandenwirt- und herrschaft zusammen (auch bekannt als Anarchie). Also ganz plump idealistisch was ausgedacht, im Kollektiv besoffen auf der Schreibmaschine den zweiten Teil heruntergerattert, gesammelt und als Cut-Up präsentiert. Jeder Mensch mit ökologischen oder alternativen Eltern/Jugend im AJZ/o.ä. hat Ähnliches schon öfter gelesen und im besten Fall als Kuriosum im Bücherregal gelassen oder als erledigt der blauen Tonne übergeben.

Das Autorenkollektiv aber – das in der SU kollektiv erschossen worden wäre – sammelt nach der alten Messie-Regel, das alles noch zu gebrauchen sei, was die Geschichte zu Müll verwandelt hat oder vernünftige Menschen bewusst weg warfen. Gut für die Autoren, dass Umberto Eco nicht Recht hat wenn er behauptet, dass Texte Texte hervorbringen; das unsichtbare Kommitee wäre sonst der „Altpapierhaufen der Geschichte“ (Trotzki).

Mich wundert auch nicht dass Daniel ‚classless‘ Kulla (ich verlinke ihn hier mal nicht, er würde als Unfugs-Apologet ohnehin nur „Projektion“ und „Fehlrezeption“ schreiben) diesen Politkitsch verteidigt, ist ihm doch offensichtlich jedes Objekt, das cool genug erscheint (Breakcore, Hacking, „Kommunismus“) um als Vehikel zur Verbreitung der selbstgebastelten Theorie, also Agitation, zu dienen, recht.

Lebensphilosophischer Ratschlag: sich die Zeit und Mühe sparen; es gibt Besseres, was Sie lesen können, wenn Sie denken, dass Sie diesen Text unbedingt lesen sollten (wie diesen Text hier). Oder das Gefühl haben, dass Sie ihn unbedingt lesen wollen. Oder: wenn Sie das Gefühl haben wollen, das Sie bekämen, wenn sie diesen Text lesen würden.

Bildnachweis: Das in der Montage benutzte Photo ist  nicht der Film zum Buch sondern: Szenenbild aus einer Sendung des SWR von 2008.

(Gilt das Bilderverbot auch für die Dystopie?)

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5 Responses

  1. Booga sagt:

    bring mal was handfestes hinter den ratschlag.

    • bechstein sagt:

      Entfremdungskritik ist nicht so mein Ding. Aber ich verweise, was handfeste Bücher dazu angeht gerne auf die „Dialektik der Aufklärung“ von Horkheimer und Adorno; auf Guy Debord (vermutlich auch fürs Autorenkollektiv wichtig) und auf Erich Fromms „Furcht vor der Freiheit“.

  2. eichhörnchen junge sagt:

    ich finde deine arrogante art und weise mit nicht „hochkulturellen“ formen, künstlerischer betätigung umzugehen – total scheisse! wo ist an cut up denn das problem? das man nicht hegel gelesen haben muss um irgendwas zu machen?! ihr hochnäsigen berliner kokain „kritiker“ !

    das abendessen dekonstruieren gehend,

    der squirrel boy.

    • bechstein sagt:

      Da ist gar kein Problem. Auch wenn es für Sie eine harte Nuss ist:
      Cut-Up ist nicht an sich schlecht, sondern je wie es gemeint ist. Es gibt eine wunderbare Stelle in Walther Killys Buch „Deutscher Kitsch. Ein Versuch mit Beispielen.“, an der er einen Cut-Up aus Kitschprosa macht um zu demonstrieren, wie austauschbar das alles ist.

      Aber ich empfehle Ihnen, einfach weiterhin Gysin und Borroughs (und Kulla) gut zu finden und den dekonstruktivistischen/posthumanen Kobel gemütlich einzurichten.

  3. […] Passendes findet: die Natur, die es nicht gibt, regnet herein. Über dieses Elend habe ich bereits hier geschrieben. Natürlich will auch TOP B3rlin mitbasteln und so machen sie eine Veranstaltung, bei […]

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