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Der kommende Aufstand in B3rlin

Wenn die radikale Linke keine Revolutionstheorie mehr machen will, macht sie Aufstandstheorie. Statt sich gegenseitig zu kritisieren um möglichst wenig Unfug zu verbreiten, oder: statt, frei nach Martin Dornis, sich im Elfenbeinturm weit aus dem Fenster zu lehnen um zu schießen, wird das Gegenteil vom Elfenbeinturm, die Slumhütte bezogen. An diese ärmliche Hütte muss ständig angebaut werden, sobald sich etwas einigermaßen Passendes findet: die Natur, die es nicht gibt, regnet herein. Über dieses Elend habe ich bereits hier geschrieben. Natürlich will auch TOP B3rlin mitbasteln und so machen sie eine Veranstaltung, bei der alle aus dem eigenen Theorie-Dunstkreis etwas sagen dürfen, solange es nicht allzu deligitimatorisch (s.u.) ist. Ich habe ein Transkript erstellt, der komplette Vortrag findet sich: hier.

 

*

Erzähler_in: „Das französische Manifest ‘Der kommende Aufstand’ gilt dem hiesigen Feuilleton längst als „das vielleicht wichtigste linke Theo­riebuch unserer Zeit“ (FAS). Zwar landete die Vorsitzende der Linkspartei sofort am Pranger, als sie unaufgefordert über „Kom­munismus“ nachdachte. Im literarischen Gewand darf es aber ruhig ein bisschen mehr sein: Das ausdrückliche Versprechen, die krisenhafte, in ihren Sachzwängen gefangene Gesellschaft von Staat und Kapital mit großem Knall verschwinden zu lassen. Denn die spätbürgerlichen Utopien haben sich abgelebt. Übrig ist nur die beklemmende Gewissheit, dass wir uns bis ans Ende aller Tage krumm machen müssen für Karriere, Chef(in) und Standort. Dann wenigstens mit ein bisschen riot-​flavor zum Frühstück.

Die radikale Linke begegnet dem Text meist skeptischer, wenn auch nicht kritischer, aber nicht minder aufgeregt. In seiner unversöhnlichen Rhetorik erkennt sie fragwürdige Sehnsüchte nach Gemeinschaft und Apokalypse. Und Phrasen, wo es ums Ganze geht, um die Ordnung der gesellschaftlichen Arbeit. Deswegen ist ‘Der kommende Aufstand’ ein Ereignis. Um nicht zu sagen: Spektakel. Nach Jahrzehnten kapitalistischer Offensive geht es zum ersten mal wieder öffent­lich und in praktischer Absicht gegen Moderne und Vermittlung. Da muss die radikale Linke naturgemäß dabei sein. Nun noch etwas Marx: Alle Verhältnisse sind umzustürzen, in denen der Mensch ein er­niedrigtes, ein verächtliches und geknechtetes Wesen ist (Marx).“

Frau von TOP1 (zum Publikum): „Unser politisches Bauchgefühl sagt uns, dass etwas hier nicht stimmt, aber wir wollen die brauchbaren Motive heraus-arbeiten! Alle älteren Organisierungsansätze, die Partei neuen Typus, die Pariser Commune, die Grünen, die Autonomen, das Regietheater, sind: gescheitert! Deswegen muss weiter Ideologie- und Sprachmüll re-produziert werden! Und deswegen muss ernsthaft, ohne zu lachen, die Klar-stellung vom unsichtbaren Kommitee verlesen werden. (ernsthaft, ohne zu lachen): mit Kommunen ist selbstverständlich Kommunismus gemeint.“

[im Publikum wird eine Weinflasche entkorkt]

Freund der klassenlosen Gesellschaft (schüchtern): „Das Buch ist kompletter Müll, und fällt hinter alles zurück, was es jemals an kommunistischen Erkenntnissen gegeben hat. Trotzdem glaube ich, dass das unsichtbare Kommitee, was die Revolution angeht, genau das meint, was meine, ähm unsere Gruppenposition ist.“

[Applaus]

Boris Buden: „Ich will kein Wort zum Inhalt dieses Buches sagen. Der kommenden Aufstand ist die Stimme der Wende vom Postkommunismus zu Etwas, dass noch keinen Namen hat. Das Pamphlet, ja es ist ein Pamphlet und ich nenne es ein Pamphlet, ist rhetorisch, obwohl es geschrieben ist, sehr gut. Wie Aristoteles [im Publikum kommt Unruhe auf] schon sagte, oder schrieb, gibt es verschiedene Arten von Rhetorik…Jedenfalls sind Sprache oder Stil und Inhalt nicht voneinenander zu trennen, aber abgesehen vom Inhalt ist die Agitations- äh Überzeugungskraft beachtlich!“

[Applaus]

MadameX [angezogen wie Subcommandante Marcos](mit stark frz. Akzent): „Die Bezeichnungen re-akt-io-när und an-ti-mo-dern sind nur einige Silben hintereinander, also leere Signifikanten. Also damit Techniken der Delegitimierung! An alle Kritiker: Wir scheisen auf euch! Die Distanz zur Straße wird euch irgendwann einholen!“

[Applaus]

Frank Engster: Der kommende Aufstand ist zwar theoretisch abgehoben von der gesellschaftlichen Totalität, sprich Antimaterialismus in Reinform, weist aber, gleich der großen Vorsitzenden in Richtung Kommunismus. Alles hochaktuell: Wir werden von der Arbeit befreit und brechen mit der Zivilisation!

[Applaus]

Frau von TOP2: Wir gehen mit, wenn das unsichtbare Kommitee, also MadameX, MalcolmX, SadatX, MisterX und Xzibit, schreibt, dass Kommunismus alle Welten, die Widerstand gegen die imperiale Befriedung leisten, ist.

[Applaus]

Alle zusammen, bis auf MadameX: „Zu kritisieren ist, dass Der kommende Aufstand eurozentristisch ist. Kritik der politischen Ökonomie ist nicht drinne. Vielleicht muss man noch ein bisschen Kritik der politischen Ökonomie dazu tun, dann würde es passen, oder so. Mit Adorno muss auch man sagen, dass man Teil der Gesamtscheisse ist, um sich dann selbst zu hassen. Es bleibt also alles verzwickt also dialektisch. Kommunismus ist Anarchismus, Anarchismus ist Kommunismus.“

[einige Menschen im Publikum murmeln den letzten Satz nach, andere versuchen, offenliegende Stromkabel mit spontan produzierten Flaschenscherben zu durchtrennen]

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2 Responses

  1. hörer sagt:

    wenn du den vortrag noch einaml durchhören würdest, würde dir vielleicht auffallen, dass dein transkript oftmals deiner phantasie entspringt (z.B. fällt das wort „bauchgefühl“ an keiner stelle. das hättes du wohl nur gerne so).

    zudem war madame x auch nicht angezogen wie subcommandante, sondern schlicht nicht anwesend, eine audio-aufzeichnung.

    • bechstein sagt:

      Sie sind aber auch wirklich ein Fuchs!! Ich bin dort gewesen und MadameX hat sich mindestens einen Liter feinsten Rotwein in den unsichtbaren Körper gekippt. Sie ist zur Diskussion nur „verschwunden“, um einige Ampeln und Busse anzuzünden.

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