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Richard Dawkins, Peter Singer und die „Kritik“ am Naturrecht

Ich habe eine besondere Perle der geistreichen Unterhaltung auf youtube gefunden.

Richard Dawkins und Peter Singer sprechen über Peter Singers Ethik, die, angelehnt an Jeremy Bentham, versucht, die Grenze zwischen Menschen und Tieren abzuschaffen:

„Es mag der Tag kommen, an dem man begreift, dass die Anzahl der Beine, die Behaarung der Haut oder das Ende des Kreuzbeins gleichermaßen ungenügende Argumente sind, um ein empfindungsfähigen Wesens dem gleichen Schicksal zu überlassen.
Warum soll sonst die unüberwindbare Grenze gerade hier liegen? Ist es die Fähigkeit zu denken oder vielleicht die Fähigkeit zu reden? Aber ein ausgewachsenes Pferd oder ein Hund sind unvergleichlich vernünftigere sowie mitteilsamere Tiere als ein einen Tag, eine Woche, oder gar einen Monat alter Säugling. Aber angenommen dies wäre nicht so, was würde das ausmachen? Die Frage ist nicht ‚Können sie denken?‘ oder ‚Können sie reden?‘, sondern ‚Können sie leiden?‘. Warum soll das Gesetz es ablehnen, empfindungsfähige Wesen zu schützen? Die Zeit wird kommen, in der die Menschheit ihren schützenden Mantel über alles, was atmet, erweitert …“

– Jeremy Bentham: An Introduction to the Principles of Morals and Legislation (1789)

Peter Singer scheint sehr gut begriffen zu haben, und so wiederholt er diesen Blödsinn [zitiert nach dem Wikipedia-Artikel über Bentham] ohne Unterlass. Es ist nicht nur offensichtlicher Unfug, ein menschliches Kleinkind mit einem Pferd zu vergleichen (Was ist Vernunft wenn schon ein Pferd sie besitzt?); allein die Idee, Kriterien finden zu müssen für das allzu Evidente, dass es eine Differenz gibt, die die Menschheit von den Tieren unterscheidet – und dass nicht einmal durch Schöpfung –  ist absurd. Sowohl Bentham hier wie Singer dort sehen den Menschen rein biologisch, isoliert von jeder Gesellschaftlichkeit, Technik etc.. Also eine praktische Unmöglichkeit. Diese ist jedoch Basis für ihre Kritik am Naturrecht, bzw. Menschenrecht.

Das Problem, das alle mit dem Naturrecht haben ist, dass es überpositives Recht ist, also nicht durch Konvention oder Gnade der Herrschenden begründet und damit metaphysisch ist. Ein Unding! Da sich Vernunft nicht einmal durch Gehirnforschung und erst recht nicht bei Pferden beweisen lässt, damit für echte Wissenschaftler metaphysisch ist, muss die Kategorie des Leidens herhalten. Nun stellen auch Dawkins und Singer fest, dass Menschen in einem größeren Maße leidensfähig sind als Tiere, dies spielt jedoch für Singer keine Rolle für eine Unterscheidung, da es ja gerade darum geht, die Grenze zu Tieren zu verwischen.

Was ist die Folge? Abgesehen von Geschmacklosigkeiten wie postmortalen Kannibalismus, ausgestopften Menschen und Tieren die verrückt werden weil sie nicht gegessen werden: Da das Tierrecht nicht in absehbarer Zeit verwirklicht wird, was selbst die beklopptesten Veganer einsehen dürften, bleibt es beim negativen Teil, der Relativierung der Menschenrechte.

Um auch mal Marx zu zitieren:

Jeremias Bentham ist ein rein englische Phänomen. Selbst unsern Philosophen Christian Wolf nicht ausgenommen, hat zu keiner Zeit und in keinem Land der hausbackenste Gemeinplatz sich jemals so selbstgefällig breitgemacht. Das Nützlichkeitsprinzip war keine Erfindung Benthams. Er reproduzierte nur geistlos, was Helvetius und andere Franzosen des 18. Jahrhunderts geistreich gesagt hatten. Wenn man z.B. wissen will, was ist einem Hunde nützlich, so muß man die Hundenatur ergründen. Diese Natur selbst ist nicht aus dem „Nützlichkeitsprinzip“ zu konstruieren. Auf den Menschen angewandt, wenn man alle menschliche Tat, Bewegung, Verhältnisse usw. nach dem Nützlichkeitsprinzip beurteilen will, handelt es sich erst um die menschliche Natur im allgemeinen und dann um die in jeder Epoche historisch modifizierte Menschennatur. Bentham macht kein Federlesens. Mit der naivsten Trockenheit unterstellt er den modernen Spießbürger, speziell den englischen Spießbürger, als den Normalmenschen. Was diesem Kauz von Normalmensch und seiner Welt nützlich, ist an und für sich nützlich. An diesem Maßstab beurteilt er dann Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Z.B. die christliche Religion ist nützlich, weil sie dieselben Missetaten religiös verpönt, die der Strafkodes juristisch verdammt. Kunstkritik ist „schädlich“, weil sie ehrbare Leute in ihrem Genuß an Martin Tupper stört usw. Mit solchem Schund hat der brave Mann, dessen Devise: „nulla dies sine linea“ <„kein Tag sei ohne einen Strich“>, Berge von Büchern gefüllt. Wenn ich die Courage meines Freundes H. Heine hätte, würde ich Herrn Jeremias ein Genie in der bürgerlichen Dummheit nennen.

– Karl Marx: MEW Bd. 23, S. 637

Für seine Nachfolger dürfte Ähnliches gelten.

 

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9 Responses

  1. tee sagt:

    singer wird doch schon seit jahrzehnten nicht mehr ernsthaft rezipiert, schon gar nicht von der hiesigen antispe-szene. die haben sich immer wieder klar (und sogar argumentativ!) von seinen thesen abgegrenzt. (http://web.archive.org/web/20070914005352/aa-o.de/de/texte/lifeislife-kritik-stellungnahme/>kleines beispiel)

  2. tee sagt:

    vergessen den link zu schliessen, nun ja …

  3. bechstein sagt:

    Ich habe den Link repariert. Kein Problem.

    Wie kommen Sie darauf, dass es um irgendeine, dazu noch „hiesige antispe-szene“ geht? Das interessiert doch niemanden.

    Ich zitiere aus dem verlinkten Text:
    „Es geht um das Erkennen eines strukturellen Zusammenhangs von Sexismus, Rassismus und Speziesismus (die Diskriminierung von Tieren aufgrund ihrer anderen Spezieszugehörigkeit)[…]“

    und

    „Der Mensch? wird als Norm gesetzt und alle nichtmenschlichen Tiere gelten als gleich anders als diese menschliche Norm. Zum anderen werden mit dieser Redeweise ?Mensch? und ?Tier? als gegensätzliche, dualistische Kategorien konstruiert und eine Wertehierarchie gesetzt.“

    Das ist komplett infantiler Denkmüll. Als ob Tiere nicht etwas anderes als Menschen wären. Wenn Sie das nicht so sehen: verklagen Sie doch die LVB, weil ihr Kater aufgrund speziesistischer Diskriminierung nicht Straßenbahnfahrer werden kann. Oder lassen Sie sich gleich schlachten.

  4. tee sagt:

    ich vertrete dieses antispe-zeugs doch nicht, wie kommst du auf dieses schmale brett?! es ging nur um den singer-bezug.

    aber hey, deontologische rechte zu widerlegen, die nur ein paar verwirrte spinner noch ernsthaft vertreten, wird schon wahr genug sein um sich damit zu befassen …

  5. tee sagt:

    oder um es mit anderen worten zu sagen:

    „Das interessiert doch niemanden.“

    • bechstein sagt:

      Also keine Ahnung, warum Sie sich immer angesprochen fühlen wenn es um Idioten geht. Oder was Sie halluzinieren, wenn Sie meine Artikel lesen.

      „aber hey, deontologische rechte zu widerlegen, die nur ein paar verwirrte spinner noch ernsthaft vertreten, wird schon wahr genug sein um sich damit zu befassen …“

      Haben Sie Grammatik und Sinn schon aufgegeben?

  6. Cyrano sagt:

    Nur weil Antispes sich nicht mehr auf den Singer berufen (Argumente in dessen Tradition, nur dann mit Distanzierung von der Person höre ich trotzdem oft genug), vertreten doch nicht „nur ein paar verwirrte Spinner“ diesen „neuen“ Utilitarismus von Dawkins & Co. Die Verneinung schon der Fähigkeit des Mensche zu Reflexion, und damit der Möglichkeit, Subjekt der eigenen Geschichte zu werden, ist das Credo des neuen Atheismus, der Neuropsychologie, etc… „[D]ass Vernunft … metaphysisch ist“ ist der Glaubenssatz dieser Wissenschaftlichkeit, und macht jegliche Kritik des Bestehenden zum traurigen Resultat äußerer Umstände und neuronaler Verschaltungen für die der Denkende zwar nichts kann (sie ist ja mit der physischen Existenz rein identisch), die aber eben doch objektiv falsch, weil evolutiv nicht konkurrenzfähig ist. Dass da dann das Leid als alternative Kategorie der Ethik reingeschmuggelt wird, ist konsequent, den a) müsste wer den Kampf ums Dasein unabgefedert propagiert ständig in Angst um das Eigene Leben existieren, und b) ist der Schritt von einer Bejahung des Lebens auf der Basis von Leidvermeidung zur Tötung zwecks Leidverringerung ein all zu kurzer. Die Argumentation neuer Atheisten pro-Sterbehilfe weist teilweise bereits Züge dieser Art auf.
    Singer geht es übrigens glaube ich nicht wirklich darum, die Grenzen zwischen Mensch und Tier zu verwischen, das ist eher eine Folge seines Utilitarismus…

  7. […] Richard Dawkins, Peter Singer, und die „Kritik am Naturrecht“ – eigentliche eulen […]

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