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Grundlagen der linken Eristik

 

Eine Anleitung um in Blog- Vortrags- oder Plenumsdiskussionen Recht zu behalten, ohne notwendig den Standpunkt der Aufklärung zu vertreten.


Habermas hat in seiner Diskursheorie das Ideal vom „zwanglosem Zwang des Arguments“ formuliert; die Voraussetzungen für eine solche Sprechsituation fehlen jedoch oft in den den oben genannten Situationen. Es geht vor allem darum Recht zu behalten, d.h. die eigene Position zu verteidigen. In einer Kommentardiskussion auf einem Blog sind Zugeständnisse noch billig, doch in der Plenumsdiskussion geht es meist darum, das eigene oder gar das Gruppeninteresse zu vertreten, also eine schon fest stehende Entscheidung durchzusetzen. Wo die Macht nicht ausreicht, bzw. Gewalt tabuisiert ist, muss auf subtilere, rhetorische Mittel zurückgegriffen werden, die ich hier unter dem Begriff der Eristik (Streitkunst) zusammenfassen möchte. Ich möchte nicht dazu ermutigen, diese Mittel nach Möglichkeit einzusetzen, der Adorno-Lesekreis ist schließlich keine Podiumsdiskussion, doch wo das Argument ohnehin keine Chance hat (bei Maybrit Illner bspw.) ist es wichtig, die Form des Gesprochenen mitzudenken und gegebenenfalls selbst zu thematisieren. Aufgrund der populären Darstellung verzichte ich auf korrektes Zitieren und gebe lediglich Hinweise. Falls Sie nicht einverstanden mit eventuell verkürzten oder falschen Darstellungen sind, benutzen Sie bitte die Kommentarfunktion.

Adorno nennt in der „Negativen Dialektik“ die praktische Dialektik die „Konfrontation von Begriff und Sache“ und grenzt damit die praktische von der idealistischen Dialektik Hegels ab, bei der die Begriffe selbst schon „fertig“ sind. Dies bezieht sich auf Schopenhauers „Eristische Dialektik“, in dem verlinkten Artikel gibt es eine Übersicht, die ich der Einfachheit halber gleich mitbringe:

schönes Schaubild

Diese Begriffsprüfung findet seine Entprechung im ersten, oberen Zweig (ad rem). Sie ist nicht unbedingt ein rhetorischer Kniff, lässt sich doch der Wahrheitsgehalt, oder besser, die Beschreibungskraft von Begriffen wie bspw. „heterosexuelle Matrix“ oder „Patriarchat“ kritisieren. Dies ist gerade bei Begriffen wichtig, die eine eigene Geschichtlichkeit haben und bei denen unklar ist, ob sie ihren geschichtlichen Wahrheitskern noch in sich tragen (also bei allen Begriffen, die nicht offensichtlich unsinnig sind).

*

Nun zur „reinen“ Eristik:

Der untere Pfeil (ad hominem) zielt auf das Menschliche, oder auf die Folgen, was in der Ausführung nicht zwingend logisch sein muss, bspw. eine Pseudokonsequenz – „wer A sagt, muss auch B sagen“ – sein kann, oder besser, schlecht auf das Menschliche bezogen „Kommunismus schön und gut, aber wer putzt dann das Klo?“ womit wir beim nächsten wären: der Phrase. (Die Darstellung der schopenhauerischen Dialektik ist bei Wikipedia besser, s.o. ich beziehe mich im weiteren Verlauf teilweise auf einige der 38 Kunstgriffe und zwar auf die, die mir am häufigsten begegnen.)

Die Phrase ist besonders bei Antikommunisten, wie auch immer sie sich nennen, besonders beliebt. „Was verteilt wird, muss erst erwirtschaftet werden.“ Wer hätte das gedacht! Hier ist die Phrase schon so allgemein und tautologisch (was sie zum Argument ad populum überhaupt macht, da noch nicht einmal darauf hingewiesen werden muss, dass es sich um eine Mehrheitsmeinung handelt), dass sich jeder weiterer Kommentar erübrigt. Zur Phrase ist noch zu bemerken, dass sie gegen die Geschichte steht und ewige Wahrheit beansprucht. „No pasarán!“

Ähnlich populär wie die Phrase ist die gezielte Diffamierung der Gegenseite. Hierzu muss jeweils der Maximalvorwurf her, der die Gegenseite komplett unmöglich macht. Wichtig ist, dass es keinen Hinweis auf die Definition oder Eingrenzung von Bezeichnungen wie bspw. „Rassisten“ , „Sexisten“, „Stalinisten“ etc. geben darf, sodass die Verteidigung erschwert wird.

Da die Neosophistik des Poststruktualismus auch akademisch betrieben wird, kann alternativ auch auf eine falsche aber „wissenschaftliche“ Definition verwiesen werden, die schon Prämissen schafft, bspw. die Gleichsetzung von „Islamophobie“ und Rassismus, was für ein Publikum, dass sich noch nicht mit der Thematik beschäftigt hat, schlüssig erscheinen kann. Das wäre eine Art des beliebten Autoritätsargument, bei dem ein Zitat (gerne auch gefälscht) einer dem Publikum bekannten Person in die eigene Verteidigung eingebunden wird. Eine andere, besonders tückische Art ist, aus der Position des Gegners auf eventuelle geistige Vorbilder zu schließen, um dann ein (gefälschtes) Zitat zu nennen, dass nicht nur, in der Situation, unüberprüfbar ist, sondern auch den Gegner in Verlegenheit bringen kann. So wird aus Walter Benjamins Kritik des destruktiven Charakters schnell der destruktive Charakter zum Vorbild des positiv konnotierten, jugendlichen Rebellen. Dies zeigt, dass auch bei korrektem Zitieren das Zitat selbst unangebracht sein kann. Ein anderes Beispiel: Auf einer Blogdiskussion behauptete ich vor nicht allzu langer Zeit mit Verweis auf die Titel der von Karl Marx veröffentlichten Bücher, dass dessen Werk insgesamt nicht auf Entfremdungskritik hinauslaufe. Als Entgegnung schrieb man mir zwei korrekte Zitate von Marx (bescheidwisserisch „Mohr“ genannt!) hin, in denen es um den Begriff der „Entfremdung“ ging.

Es ist mir gerade beim Verlinken der Diskussion eingefallen, dass ein beliebter Vorwurf ist, Autor xyz nicht gelesen zu haben (nicht: „verstanden“!). Ganz abgesehen davon, dass die wenigsten Menschen überhaupt von irgendeinem Autor alles gelesen haben, ist diese Unterstellung eine sehr fiese, da sie nicht zu widerlegen (auch grammatisch falsch ist), und der Angegriffene sich bei der Verteidigung lächerlich macht („Ich habe xyz sehr wohl gelesen und zwar…“). Es hilft nur, sich nicht zu beteiligen an der Bescheidwisserei, und sich nicht provozieren zu lassen.

Eine besondere Form der Diffamierung, auf die ich gesondert hinweisen möchte, ist der persönliche Angriff, der den Gegner nicht einer unbeliebten oder geächteten Gruppe zuordnet und so indirekt unmöglich macht, sondern Zuschreibungen, für die dieser gar nichts kann oder die für sich nichts Negatives haben, ins Negative umdeutet. Wenn der queer/postcolonial/critical whiteness/antiimp/whatever-Fraktion nichts mehr einfällt, bezeichnet sie den Gegner als: männlichen, heterosexuellen Weißen, was, Weltgeist sei dank, nur in entsprechenden Kreisen als Beleidigung gilt. Fortgeschrittene Kritiker_innen hängen noch ein Bildungsbürger! dran, auch um zu verdeutlichen, dass es sich hier um eine Abart der marxistischen Standpunkttheorie handelt. Mit dem Unterschied, dass der erkenntnistheoretische Nachteil der bei Marx ökonomiekritisch bezeichneten Bourgeoisie soziologisch-milieutheoretisch (oder gar herkunftsbezogen) zum Garanten der Unwahrheit verkommt. Bitte denken Sie gar nicht erst daran, diesen Angriff zurück zu schlagen, und die Kritiker_innen darauf hinzuweisen, dass sie selbst keine geschlechtslosen, queeren, schwarzen Proletarierkinder sind.

*

Wenn das alles nichts hilft, hilft auf dem eigenen Blog nur noch die unsichtbare Zensur, die ich als Anhang mit aufnehme. Es ist mir bei einem Blog, und zwar bei Rhizom (Lesen und Lernen!, ein Meister der linken Eristik, eher schon Rabulistik) aufgefallen, dass der Blogautor nicht nur missliebige Kommentare spurlos löscht, sondern auch eigene Kommentare im Nachhinein ohne Hinweis inhaltlich verändert, damit Entgegnungen ins Leere laufen oder gar als haltlos erscheinen (vgl. die Diskussion mit „Pavel“ am  16. Febuar). Hier zwei Screenshots der Kommentare die aufeinanderfolgen/folgten wie, erstens der veränderte Kommentar [Edit: 21 Pavel wies mich in einer Mail darauf hin, dass ich den falschen Beitrag vom Rhizom als screenshot gepostet hatte, 21. Februar, der Autor]:

kommentar Pavel

Falls Ihnen derartig Widerliches an anti-aufklärerischer Zensur (nicht zufällig gepaart mit rhizomatischer Deckschleuderei im Inhalt und Pseudozitat als Form) irgendwo begegnet, schreiben Sie dort bitte keine Kommentare mehr, es macht keinen Sinn.

*

Wenn Ihnen noch ein Trick, eine schöne Phrase, ein Beispiel oder Verwandtes einfällt; oder wenn Sie bloß einen Streit anfangen wollen, schreiben Sie bitte einen Kommentar, ich freue mich.

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7 Responses

  1. Sonnenblume sagt:

    ein sehr geschickter schachzug des harmoniebedürftigen alles unter einen hut bringenden postmodernen geschlechts- und sexualitätslosen Wesens ist es, dem gegner (als treuem Materialisten) einfach seine figuren wegzunehmen mit dem vorwurf, ja überhaupt nicht dialogbereit zu sein (voll komisch, bringt der argumente und beharrt auf seinem standpunkt). diese art eine diskussion abzubrechen funktioniert immer; sind alle argumente erschöpft und keine bewegung in sicht, kann man immer noch als sieger hervorgehen, so lange man dem anderen einfach vorwirft, ja garnicht diskutieren (was hier heißt: sich einigen) zu wollen!

    • bechstein sagt:

      Gerade um das zu vermeiden sollte man solche Menschen von Anfang an auch beschimpfen und beleidigen, damit es gar nicht zu dem von dir erwähnten Missverständnis kommt (als ob du die für die Uni auswendig gelernten „Argumente“ nicht eh schon tausendmal gehört oder gelesen hättest).

    • LW sagt:

      Deshalb sollte man als Freund der Vernunft auch weder dialogbereit (geschweige denn dialogführend) sein noch argumentieren oder gar diskutieren wollen; – es entspringt dies alles dem falschen Bedürfnis nach zwischenmenschlicher Kommunikation statt dem zweckmäßigen Tun des Vernünftigen, das sich DER SACHE objektiv, klärend und untersuchend bzw. feststellend nähert. Man sollte endlich anerkennen, dass einem nichts anderes mehr übrig bleibt, ausser Zeugnis abzulegen. Der Diskurs ist die Hölle.

  2. Hannes G. sagt:

    >>Die Phrase ist besonders bei Antikommunisten, wie auch immer sie sich nennen, besonders beliebt. „Was verteilt wird, muss erst erwirtschaftet werden.“<< (bechstein)

    Ich fürchte die Abwertung jener von dir zitierten Aussage zur Phrase ist auch ein Kunstgriff. Man kennt das Gelächter wider die dummen Antikommunisten – weil die Kommunisten keine bessere Antwort auf diese "Phrase" wissen.

    Eine Phrase enthält noch keine Unwahrheit.

    So ist ja auch der Satz "Jeder muss mal sterben" eine Phrase. Vielleicht etwas einfach und stumpf, dieser Satz, aber schwer zu entkräften.

    • bechstein sagt:

      Nein, die Phrase ist nicht immer unwahr, aber sobald jemand versucht eine Wirtschaftsordnung mit dem Satz „Was verteilt wird, muss erst erwirtschaftet werden.“, zu verteidigen, wird diese Phrase zum Scheinargument. Und lächerlich. Kommunisten, die dieser Bezeichnung entsprechen, können nur lachen über solche Dummheit, es gibt keine bessere Antwort.

      Ähnlich wie „Jeder muss mal sterben“, zwar als Aussage an sich wahr ist, aber keinen Mord rechtfertigt.

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