athene noctua

Icon

strigidae

Warum der Islam nicht zu Deutschland gehören sollte

Eine Verteidigung des Laizismus

Die aktuelle Debatte darüber, ob der Islam zu Deutschland gehöre oder nicht, ist an Dummheit nicht zu überbieten. Die eine Seite will, dass der Islam als Religion integriert wird, wie Christian Wulff es ausdrückte:

Zu allererst brauchen wir aber eine klare Haltung. Ein Verständnis von Deutschland, das Zugehörigkeit nicht auf einen Pass, eine Familiengeschichte oder einen Glauben verengt, sondern breiter angelegt ist. Das Christentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das Judentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das ist unsere christlich-jüdische Geschichte. Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland. Vor fast 200 Jahren hat es Johann Wolfgang von Goethe in seinem West-östlichen Divan zum Ausdruck gebracht: „Wer sich selbst und andere kennt, wird auch hier erkennen: Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen.“

Der zweite Teil wird oft unterschlagen, es folgte:

Jetzt komme ich zur dritten Antwort auf unsere Ausgangsfrage. „Deutschland, einig Vaterland“, das heißt, unsere Verfassung und die in ihr festgeschriebenen Werte zu achten und zu schützen. Zu allererst die Würde eines jeden Menschen, aber auch die Meinungsfreiheit, die Glaubens- und Gewissensfreiheit, die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Sich an unsere gemeinsamen Regeln zu halten und unsere Art zu leben, zu akzeptieren. Wer das nicht tut, wer unser Land und seine Werte verachtet, muss mit entschlossener Gegenwehr aller rechnen – das gilt für fundamentalistische ebenso wie für rechte oder linke Extremisten.

Wie Zugehörigkeit zu Deutschland(?) als Staat rechtlich sonst zu definieren sei ist mir nicht klar, der zweite Teil klingt aber doch republikanisch? Weit gefehlt. Republikanisch ist Wulffs Gesinnung nur in einer abartigen Form. Für ihn sind gemeinsame Werte und Regeln (nicht Gesetze!) nur Mittel zur Garantie von Zusammenhalt. Ich zitiere:

Neuer Zusammenhalt in der Gesellschaft ist nur möglich, wenn sich kein Stärkerer entzieht und kein Schwächerer ausgegrenzt wird. Wenn jeder in Verantwortung genommen wird und jeder verantwortlich sein kann.

Wer lange vergeblich nach Arbeit sucht, sich von einem unsicheren Job zum nächsten hangeln muss, wer das Gefühl hat, nicht gebraucht zu werden und keine Perspektive erhält, der wird sich, verständlicherweise, enttäuscht von dieser Gesellschaft abwenden.

Wer sich zur Elite zählt, zu den Verantwortungs- und Entscheidungsträgern und sich seinerseits in eine eigene abgehobene Parallelwelt verabschiedet, auch der wendet sich von dieser Gesellschaft ab. Leider haben wir genau dieses in der Finanzkrise erlebt. Niemand sollte vergessen, was er auch dem Zufall seiner Geburt und unserem Land zu verdanken hat – und er sollte es als seine Pflicht begreifen, unserem Gemeinwesen etwas zurückzugeben.

Und schon hier zeigt sich, dass in der Ideologie Wulffs vom Pass abgesehen werden muss. Republikanisch hieße, dass sich Bürger, die durch Staatszugehörigkeit solche sind, sich an die Gesetze halten, nichts weiter. Bei Wulff aber kommt noch mehr hinzu. Deutschland Vaterland muss einig sein, das heisst, wer deutsch ist, dient dem Zwangskollektiv und darf sich nicht durch Asozialität, d.h. durch „Arbeitsverweigerung“ (Arbeitslosigkeit oder Finanzspekulation) entziehen. Deswegen spricht Wulff von der Pflicht, was bedeutet, dass es nicht ausreicht, Steuern zu zahlen. Kurzum: sein gesellschaftliches Ideal ist eher das einer Volksgemeinschaft, die sich durch Ausschluss definiert, der nicht nach rationalen Kriterien erfolgt.

Dass es sich nur um eine Scheindebatte handelt, die ohne Begriffe auskommt, lässt sich auch gut an seinem Widerpart, Hans-Peter Friedrich, jetzt Innenminister, belegen, dieser sagte:

Dass der Islam zu Deutschland gehört, ist eine Tatsache, die sich auch aus der Historie nirgends belegen lässt

Diese Aussage impliziert die christlich-jüdische Leitkultur, eine Lieblingsphrase aller Abendlandverteidiger. Dazu kommt noch die Historie. Die Aussage ist allerdings falsch, dazu später auf diesem Blog. Wie auch Christian Wulff kommt es Hans-Peter Friedrich nicht in den Sinn überhaupt irgendwie zu argumentieren. Auch fällt ihm nicht ein, was die christliche Leitkultur im 20. Jahrhundert mit der jüdischen Leitkultur machte. Ebensowenig seinen Kritikern. Das ein Verweis auf die Geschichtlichkeit einer irgendwie positiven Kultur in Deutschland an Geschichtsrevisionismus grenzt, brauche ich nicht weiter zu erläutern.

vorbildlich: zum Schwimmbad umfunktionierte Kirche, Leningrad 1962

Einig sind sich alle Politiker über alle Parteingrenzen, dass es Islamunterricht an deutschen Schulen geben solle. Grund dafür ist, dass ein beachtlicher Bevölkerungsteil von Deutschen für Muslime gehalten wird. Mir ist bewusst, dass eine Verteidigung des Laizismus (der Trennung von Religion und Staat) in Deutschland gar nicht möglich ist, da es schon de facto eine Kooperation zwischen katholischer und evangelischer Kirche  und Staat gibt, die unverzichtbar ist. Christliche Sozialverbände übernehmen Aufgaben des Sozialstaats, der Entwicklungshilfe; Kirchensteuern und Subventionen werden wiederum von staatlicher Seite an die Kirchen (weiter) gegeben. Zu den Subventionen gehört auch ein eigenes Arbeitsrecht, dass bspw. gewerkschaftliche Organisierung und Streiks verbietet, was die Ausbeutung der Beschäftigten soweit gedeihen lässt, dass diese schon selbst ihre Klientel sein müssten. Aber das ist schon ein anderes Thema.

Die richtige Antwort auf die Islamdebatte

Jedenfalls haben die Abendlandverteidiger ein Problem. Eine Leitkultur lässt sich schwer in universellem Recht verankern. Und obwohl es schön wäre, im Sinne der Aufklärung zumindest den Islam zu diskriminieren, bleibt ihnen nur die Phrase, da sie höchst unvernünftig sind. Ihr Ziel ist es nämlich, das Christentum zu retten, dem, wenn auch aus falschen Gründen, die Christen weglaufen. Die Vorwärtsverteidigung ist, den Islam zu integrieren um so den Status Quo der christlichen Kirchen zu erhalten und um weiterhin ihr Geschwafel von christlicher Moral und Ethik legitimieren zu können.

einer der größten Aufklärer des 20. Jahrhunderts, hier allerdings mit unvorteilhafter Kopfbedeckung

Leider ist Mustafa Kemal Atatürk, aus heutiger Sicht der größte Aufklärer des Orients schon etwas länger nicht mehr Präsident der Türkei; und sein nicht zufällig israelfeindlicher Nachfolger Erdogan tut alles dafür, den islamischen Backlash zu beschleunigen. Eine Integration des Islams in Deutschland würde praktisch bedeuten, dass die DITIB, die indirekt Erdogan unterstellt ist, eine wichtigere Stellung erhält. Erdogans Minister wiederum stehen Millî Görus nahe. Was das alles einem „aufgeklärten Islam“, wie er wohlmeinenden Idealisten vorschwebt, nützen soll, ist die Frage.

*

Achja: Es war eine ausgesprochende, wenn auch beliebte, Frechheit (oder Dummheit?) von Christian Wulff ausgerechnet Goethe zu zitieren. Dieser übersetzte schließlich auch Voltaires „Le fanatisme ou Mahomet le Prophète“. Voltaire selbst schrieb in einem Brief an Friedrich den Großen:

„[…] daß er [Muhammad] sich damit brüstet, in den Himmel entrückt worden zu sein und dort einen Teil jenes unverdaulichen Buches empfangen zu haben, das bei jeder Seite den gesunden Menschenverstand erbeben läßt, daß er, um diesem Werke Respekt zu verschaffen, sein Vaterland mit Feuer und Eisen überzieht, (…) das ist nun mit Sicherheit etwas, was kein Mensch entschuldigen kann, es sei denn, er ist als Türke auf die Welt gekommen, es sei denn, der Aberglaube hat ihm jedes natürliche Licht erstickt.“

Advertisements

Einsortiert unter:Antifaschismus, Antisemitismus, Aufklärung, Geschichte, Islam, News, Politik, Religion, , , , , , , , , , , , ,

2 Responses

  1. Booga sagt:

    zustimmung! das land hier ist vom laizismus so weit entfernt wie wulff vom kern des problems. aber er kann nicht aus seiner haut, geschenkt … als christ. solange bei der kanzlervereidigung gott helfen muss, ist niemandem geholfen.

  2. bechstein sagt:

    Schröder hat nicht um Hilfe von Gott gebeten, es hat auch nichts genützt.
    http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,219304,00.html
    Ob Angela Merkel das Bundeskanzleramt nachträglich hat segnen lassen ist mir nicht bekannt.
    Ich vermute, dass die Stellung der Kirchen in der BRD noch aus der Restauration zu erklären ist. Wiedergutmachung für Napoleons Säkularisierung…creepy.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: