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Über das Elend im Universitätsmilieu

Ich bin ein regelmäßiger Leser von ZEIT-ONLINE und werde nie enttäuscht, denn es gibt oft unterhaltende Einblicke in mir fremde Denkweisen, wie alternative Logik. Gerade eben las ich in einem Interview über die „Probleme“ der Benotung im Jurastudium. Felix Wendenburg:

Den Noten in Jura liegt eine Punkteskala von 0 bis 18 zu Grunde. 0 bedeutet „ungenügend“, ab 4 Punkten bekommen Sie ein „ausreichend“ und haben bestanden – deshalb sprechen Studenten von „Vier gewinnt“. Mit 9 Punkten bekommen Sie ein „vollbefriedigend“. Damit nimmt Sie nahezu jeder Arbeitgeber. Trotzdem fehlen Ihnen dann immer noch neun Punkte zur vollen Punktzahl!

Wenn das Ziel ohnehin nur ist, von jedem Arbeitgeber genommen zu werden, wozu dann die Aufregung? Zumal Wendenburg sagt:

In vielen Stellenanzeigen wird sogar darum gebeten, es möchten sich nur Bewerber ab einer bestimmten Punktzahl bewerben, ab 9,0 zum Beispiel. Also scheinen die Arbeitgeber die Differenzierung der Skala zu übernehmen. Aber welchen Sinn ergibt die Skala, wenn ihr Differenzierungspotenzial gerade im Mittelfeld, das für den Arbeitsmarkt so relevant ist, nicht ausgeschöpft wird? Wir sind außerdem skeptisch, ob sich Leistung so genau differenzieren lässt. Nach unserer Ansicht genügen sieben Notenstufen von „sehr gut“ bis „ungenügend“.

Die Alternativlogik besteht darin, dass wenn die Studenten es größtenteils nicht schaffen die Punkteskala im oberen Bereich zu besetzen, die Punkteskala einfach angepasst werden muss. Die Universität muss ihren Teil am Irrationalisierungsprozess erbringen, indem sie komplizierte Eignungstests oder langwierige Gespräche, die vorher auf dem Arbeitsmarkt zur Arbeitskräfteauswahl nötig waren, überflüssig macht. Soweit kein Problem (auch wenn Wendenburgs Aussagen zur „Differenzierung“ höchst widersprüchlich sind). Es ist nur ein weiterer Beweis, nach Guttenbergs zunächst erfolgreicher Promotion, wie elendig es im  Universitätsmilieu zugeht. Ob hier eine formelle Abschaffung des inhaltlich schon aufgegebenen Anspruchs von Wissenschaft gefordert wird* – schließlich dient ein „sehr gut“ zur Auszeichnung einer intellektuellen Leistung, die über das Maß der, auch am Arbeitsmarkt, geforderten, hinaus geht – kann ich nicht beantworten.

Aus Wendenburg spricht jedenfalls das Ressentiment gegen jegliche Erkenntnis, die in Zeiten von Erwartungshorizont im Abitur und Bachelorstudium zur Berufsqualifizierung keine Entsprechung mehr finden darf. Das Bürgertum im Niedergang hat nicht nur eigene, historisch revolutionäre, Ideale wie Leistung oder aufklärerische wie Bildung, verraten, es arbeitet auch daran, die eigenen Vertreter und Institutionen zu Karikaturen dieser selbst zu machen.

*vgl.: Lyzi zu Karl Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg

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