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Im Museum

von Victor Bechstein

Im Museum für Druckkunst in Leipzig zeigt mir ein Angestellter, Herr M., eine Linotype-Setzmaschine. Es ist ein Apparat, in den man mittels einer Schreibmaschinentastatur Text eingibt, die Maschine gießt dann automatisch komplette Textzeilen in Blei.

Die Notwendigkeit der Linotype war, dass Texte bis dahin mit der Hand gesetzt wurden, das heisst, dass wie zur Zeit Gutenbergs Buchstabe für Buchstabe aneinandergereiht und fixiert werden musste. Aufgrund der Entwicklung der Produktivkräfte wurde es notwendig, gedruckte Texte schneller produzieren zu können. Besonders für Zeitungen war die Linotype-Setzmaschine ein enormer Fortschritt, da die Zeitdifferenz zwischen einem Ereignis und dessen Meldung verkürzt wurde. Herr M. gibt einen Text ein, er lautet: „Die Besuchre staunen über die alte Technik im Musum.“ Die Konstruktion gibt die Tippgeschwindigkeit vor, es gibt eine Grenze, ab der sich die Fehler aufgrund der Matrizenanordnung und -zuführung häufen. Die Geburt des Tippfehlers: 1886. Wir sind begeistert und staunen, wie Ottmar Mergenthaler, Uhrmacher und Erfinder, die Probleme eines derartig komplexen Vorgangs rein mechanisch löste. Soviel zum unmittelbar Sichtbaren.

Die Setzmaschine steht nicht für sich selbst. Sie steht für eine Zeit, in der mühevolle Arbeit durch Rationalisierung mechanisiert wurde. Dieser Vorgang ist heute noch nicht abgeschlossen, doch der Fortschritt der Technik vollzieht sich nicht mehr sprunghaft, wir leben in einer Zeit der kleinen Verbesserungen, allgemein, wie mathematisch abgeleitet betrachtet also, in einer Zeit der Nahezu-Stagnation, zweifach abgeleitet in einer Zeit des Rückschritts, menschlich sowieso. Die Rationalisierung der Arbeit verlagert sich zurück zu denen, die die Maschinen bedienen. Die Ludditen, bis zu den Technikkritikern Heidegger, Adorno und Horkheimer, bis zu den heutigen Vertretern, haben diesen Prozess nie verstanden.

Das Faszinierende an der Maschine ist nicht ihre Erscheinung. Nur ästhetisch Fehlgeleitete, Futuristen und ähnliche Idioten würden die Linotype-Setzmaschine eine Schönheit nennen . Sie ist nur Ausdruck davon, was menschlicher Erfindergeist, menschliches Geschick und Intelligenz an nützlichen Konstruktionen hervorbringen können. Herr M. und ich sind nicht nur nostalgisch, wir freuen uns auf die Zeit, in der echter, qualitativer Fortschritt wieder möglich sein wird.

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