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Kreative Geschichtswissenschaft: Jörg Baberowski auf ZEIT-ONLINE

Rezension einer Rezension. Von Victor Bechstein geschrieben.

ZEIT-ONLINE, die Internetpräsenz des deutschen Verblödungsbürgertums ist nicht gerade bekannt für gute Recherche oder kluge Autoren. Vielmehr zeigt sich eine Boulevardisierung, was sich daran erkennen lässt, dass der Grubenhund, im letzten Jahrhundert beliebtes Mittel  zur Bloßstellung der Presse, nun hausintern bzw. von freischaffenden Schreibern im Auftrag produziert wird. Es gibt jedoch bemerkenswerte Leistungen des Gossenjournalismus, die Auszeichnungen fordern. Da es das Bundesverdienstkreuz  aber erst für größeren Einsatz gibt, möchte ich den bescheidenen, aber dennoch bemerkenswerten Beitrag Jörg Baberowskis im Sinne des deutschen Geschichtsrevisionismus würdigen.

Dieser Jörg Baberowski, Doktor und Lehrstuhlinhaber für Geschichte Osteuropas am Institut für Geschichtswissenschaften an der HU Berlin, schreibt eine Rezension. Der Titel lautet: „Im verwüstetem Land“. Es geht um ein Buch eines Kollegen, das heisst „Bloodlands“. Der Autor ist Timothy Snyder, er ist in Yale Professor. Über das Buch kann ich nicht urteilen, es ist eine populäre Darstellung über Massenmorde, ich mag es kaum schreiben, der Nazis und des sowjetischen Geheimdiensts (GPU), in Polen, der Ukraine, in Ostpreußen(!), im Baltikum, in Belarus und im westlichen Russland. Baberowski schreibt:

Historiker sollen Geschichten (sic!) erzählen. Denn sie sind nicht nur Sachwalter der Wissenschaft, sondern auch Schriftsteller.

und:

Wenn die Qualität des Erzählens der Maßstab für die Beurteilung von Büchern wäre, dann müsste man Snyders Text schon deswegen zu den Meisterwerken der Geschichtsschreibung zählen. Snyder erspart seinen Lesern kein Detail des Schreckens. Nirgendwo ist der Horror der ukrainischen Hungersnot, der Deportationen und des Massenterrors packender und ergreifender beschrieben worden. Und auch über die nationalsozialistischen Mordexzesse im Osten Europas weiß Snyder auf eine Weise zu erzählen, dass das Blut in den Adern gefriert.

Wenn die Qualität der logischen Schlüssigkeit der Maßstab für die Beurteilung von Artikeln wäre, dann müsste… dazu später. Genre und Tendenz des Buchs sind jedenfalls ersichtlich. Dr. Baberowski reicht die Tendenz jedoch nicht, er legt nach:

[…] 1986 und in den dann folgenden Jahren des Historikerstreites, war die Deutungshoheit über die Geschichte ein Politikum. Alles konnte miteinander verglichen werden, der Holocaust aber durfte in seiner Einzigartigkeit nur er selbst sein. Niemand konnte über die Gewaltexzesse des Stalinismus schreiben, ohne ein Bekenntnis zur Einzigartigkeit des nationalsozialistischen Mordprogramms abzugeben.

Ernst Nolte durfte nicht, konnte nicht, machte es aber trotzdem. Desweiteren: die Deutungshoheit über die Geschichte ist immer noch ein Politikum. Sonst würde so ein Artikel ja gar nicht erst erscheinen. Und nur weil das,

was einmal als anstößig galt, [heute] für selbstverständlich gehalten [wird]

heisst das noch nicht, dass das Anstößige von gestern nicht auch heute noch anstößig ist, nur weil man sich daran gewöhnt hat. Genug der Unterstellungen meinerseits, zurück zu dem, was der Herr Doktor schreibt.

Als die Nationalsozialisten die Ukraine eroberten, betraten sie ein von der stalinistischen Gewalt verwüstetes Land, und als Stalins Armeen 1944 in die Region zurückkamen, drangen sie in kontaminiertes Gelände vor. Noch fünf Jahre später führten Einheiten der Roten Armee und der Staatssicherheit Krieg gegen Partisanen und aufständische Bauern, die nicht wahrhaben wollten, dass die alten Machthaber für immer zurückgekommen waren. Bisher haben Historiker entweder das eine oder das andere beschrieben. Snyder aber will beides verbinden: nicht im Vergleich, sondern in der Beschreibung ineinandergreifender Gewaltpraktiken. Denn ohne den Exzess der stalinistischen Diktatur wird überhaupt nicht verständlich, worauf der Nationalsozialismus auch eine Antwort war.

Ganz abgesehen davon, dass es sinnvoll ist, als Historiker eine Position zu beziehen bzw. sich auf ein Thema zu konzentrieren, statt mal alles was man schlimm findet in ein Buch zu schreiben um das Grauen der Geschichte publikumswirksam aufbereitet durch die Feuilletons geistern zu lassen: was war denn überhaupt die Frage, Herr Baberowski, auf den der Nationalsozialismus auch eine Antwort war? Was waren die anderen Fragen? Erzwang beispielsweise die Judenfrage auch notwendig eine Antwort? Genug Fragen von mir, jetzt einige von Herrn Baberoski:

Was aber bedeutete es für die nationalsozialistischen Täter, dass die stalinistischen Funktionäre Krieg gegen das eigene Volk führten, dass sie scheinbar sinnlos Menschen töteten, die aus purem Zufall zu Feinden erklärt worden waren? Und was erwarteten Stalins Schergen von ihren Widersachern, als diese im Juni 1941 die Sowjetunion überfielen und die Völkerpyramide des sowjetischen Imperiums auf den Kopf stellten?

Scheinbar sinnlos getötete Menschen, aus purem Zufall Feinde. Stalins Schergen erwarteten jedenfalls nichts gutes von ihren Widersachern. Achja: Sonderpreis für beschönigende Metaphern. Doch was bedeutet das auf-den-Kopf-stellen der Völkerpyramide? Juden erst ganz oben, dann ganz unten? Nur Mut, Herr Baberowski! Vielleicht stellt sich durch Archivstudien heraus, dass die angeblichen Vergasungswagen der jüdisch-bolschewistischen Tscheka doch kein antisemitisches Schauermärchen sind. Vielleicht haben die Nazis sich ja doch das ein oder andere abgeschaut. Wie wollen sie denn so Kameraden finden, so verschwurbelt wie Sie schreiben versteht es doch keiner.

Auf die eigentliche Frage bleibt Snyder die Antwort schuldig: wie nämlich die Verbrechen der einen die Verbrechen der anderen radikalisierten und legitimierten und warum sich diese Radikalisierung in den Bloodlands im Osten Europas vollzog. Denn die Bloodlands waren natürlich nicht einfach da. Sie entstanden vielmehr in den Schlachten des Ersten Weltkrieges und des russischen Bürgerkrieges, als aus staatsfernem Bauernland Kriegsland wurde, in dem Waffen in allen Machtfragen das letzte Wort sprachen. Denn in den Bloodlands hatten die Armeen des Zaren und des deutschen Kaisers gegeneinander gekämpft. Millionen von Menschen waren bei den ethnischen Säuberungen, Judenpogromen und während der grausamen Gewaltexzesse des Bürgerkrieges ums Leben gekommen. Die Bloodlands waren von Gewalt verseuchter Boden, auf dem Menschen Gewalt erfahren und erlitten hatten, aber auch verstanden, wie man mit ihr umzugehen hatte.

Ganz logisch, es war Blut im Boden. Und:

Wenn es die Bloodlands nicht gegeben hätte – die Nationalsozialisten hätten sie erfinden müssen. Es scheint mir kein Zufall zu sein, dass sie ihre schlimmsten Verbrechen dort verübten, wo schon die Bolschewiki Tod und Verderben verbreitet hatten.

Wenn es die Geschichte nicht schon geben würde – Jörg Baberowski müsste sie erfinden. Ich wünsche weiterhin viel Erfolg.

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One Response

  1. […] Schlögel schreibt in einer Rezension von Jörg Baberowskis Buch „Verbrannte Erde“ am Schluss: Von Stalins Tod 1953 heißt es in Baberowskis Buch nun: […]

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