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strigidae

Über Orte

von Victor Bechstein

Neulich habe ich einen Vortrag gesehen und gehört. Ich war mir vorher nicht sicher ob es überhaupt etwas ist, bin aber trotzdem hingegangen. Die Ankündigung selbst war uneindeutig, das Magazin ist über Orte. Nicht Orte im Sinne von geographisch bestimmbaren, konkreten, Orten, sondern Nicht-Orte, gedachte Orte und so allgemeine Orte, dass die auch überall sein könnten. Die Vortragenden, eine junge Frau und ein junger Mann ergänzten sich gegenseitig, sie sprachen leise, schleppend, mit vielen Verlegenheitslauten, jedes Satzende des jeweils anderen wurde aufgegriffen und meist bestätigend fallen gelassen.

Elmar Bambach heisst der junge Mann, er ist einer der Herausgeber, spricht auch im Radio über das Magazin. Er wird interviewt und sagt einiges. Im aktuellen Magazin (84 Seiten, 11 Euro) sind Photographien, Malereien und Texte. Ein beispielhafter Text von Durs Grünbein wird vorgelesen.

nachts am friedrichshain

zum ausführen des alten graubärtigen hundes

die ersten nebel sind in den park eingefallen

die wiesen milchweiß umwölkt

die baumstämme da wo

sie vom souterrain der oberen erdschicht übergehen

in die erste luftgefüllte etage

stehen wie ankerpfähle in dem dampfenden bergsee

doch die friedliche atmosphäre trügt

sie nährt eher historische gespensterphantasien

als träume von elfenreigen und munteren trollen

Satzzeichenn habe ich weggelassen, es ist ja Text. Damit sich aber der Durs Grünbein eingefallene Nebel wieder zurückziehen möge, nehme ich als gegeben hin, dass der Text Gedicht sein soll. Doch, das habe ich in der Schule gelernt, erst eine Inhaltsangabe.

Am Friedrichshain wird ein graubärtiger Hund ausgeführt, von wem, nicht weiter. Es gibt jedenfalls mehrere Nebel. Die Baumstämme stehen in einem dampfenden Bergsee. In einem dampfenden Bergsee, wie Ankerpfähle, am Friedrichshain stehen also nachts die Baumstämme in der Luft. Aber die Atmosphäre (s. Luft) trügt! Gespensterphantasien, historische, werden genährt. Vermutlich ist der dampfende Bergsee also eine Suppe. Träume von Elfenreigen und munteren Trollen werden (eher) nicht genährt. Vermutlich ist die Bergseesuppe am Friedrichshain also für diese Träume nicht nahrhaft.

Doch es wäre keine Kunst wenn es so einfach wäre. Geologisch ist der Friedrichshain sehr komplex. Die obere Erdschicht hat nämlich ein Souterrain, ein Unter-der-Erde, einen Keller. Die Luft hat Etagen, die luftgefüllt sind. Vermutlich ist die Atmosphäre deswegen trügerisch, weil man ihr die Etagen nicht ansieht, wegen den Nebeln.

Nun zur Interpretation. Durs Grünbein weiss was eine Metapher ist. Durs Grünbein verbindet romantische Motive (Nebel, Elfenreigen, muntere Trolle) mit konsequenter Formlosigkeit. Durs Grünbein führt einen Krieg gegen Grammatik, Sinn und die deutsche Sprache. Durs Grünbein ist also ein zeitgenössischer Dichter.

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One Response

  1. genova68 sagt:

    Verstehe. Du stehst nicht nur mit Corbusier auf Kriegsfuß, sondern auch mit zeitgenössischen Dichtern. Und es zeugt von bemerkenswertem Selbstbewusstsein, Satzzeichen in einem zitierten Gedicht einfach wegzulassen.

    Das Gedicht finde ich aber auch klischeehaft.

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