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Opfer

von Victor Bechstein

 

Im Verlauf der diesjährigen Luxemburg-Liebknecht-Demonstration haben wir, eine kleine Gruppe emanzipatorischer Kommunist_innen, am Rand der Demo ein Transparent entrollt, dass sich gegen die positive Bezugnahme linker Zusammenhänge auf die Führerfiguren Stalin, Mao und Lenin wendete. Wenige Minuten später wurden wir von aufgebrachten Teilnehmer_innen aus  marxistisch-leninistischen Blöcken mit Stöcken angegriffen, das Transparent in Stücke zerrissen. Menschen die sich spontan mit uns solidarisierten und versuchten uns von den Angreifer_innen abzuschirmen, wurden getreten und mit Fäusten geschlagen.

Dieser Gewaltausbruch ist weder überraschend, noch ein bedauerlicher, unrepräsentativer Vorfall, sondern verdeutlicht, wie es um die Gesinnung maßgeblicher Teile der Gedenkveranstaltung bestellt ist. Es gab noch keine LL-Demonstration, auf der nicht Stalin, Mao und Lenin verherrlicht und deren Verbrechen relativiert wurden. Keine LL-Demo ohne dogmatische Gesellschaftsanalysen autoritärer K(lein)-Gruppen mit blutrünstigen Revolutionsphantasien.

Der genannte Gewaltausbruch ist selbstverständlich nicht überraschend. Pietätloser wäre wohl nur eine SPD-Fahne gewesen. Ebensowenig überraschend die Dummheit des emanzipatorischen Freikorps. Klügeren Antikommunisten ist längst bekannt dass Luxemburg tatsächlich keine von ihnen war, die oft zitierte Freiheit der Andersdenkenden bedingt wäre durch ihre eigene Unfreiheit. Den klügsten Antikommunisten, also denen die lesen können, ist bekannt, dass in Felix Dzierzynskis Büro, hinter dem Schreibtisch ein Bild von Rosa Luxemburg hing und ein Plakat mit der Aufschrift: „Jede Minute ist teuer“.

Aber die linken Geschichtsschreiber interessieren sich nur für ihresgleichen: Opfer. Mit toten Juden mag man gerne solidarisch sein, die konnten und können sich nicht wehren. Mit toten Kommunisten, die rechtzeitig ermordet wurden bevor sie ihre finsteren, stalinistischen Pläne ausführen konnten, ebenso. Bei Juden aber, die nicht einsehen wollten auf ewig Opfer zu bleiben hört die Solidarität auf. Höchstens Israel mag man gnädig ein Existenzrecht anerkennen. Kommunistische Partisanen, die Antisemiten in den eigenen Reihen mit Kopfschüssen bedachten mag man noch entschuldigen. Aber jüdische Politkommissare oder gar Tschekisten, die nicht ewige Opfer bleiben wollten sondern, auch im eigenen Interesse (ganz böse!), selbst ihre Todfeinde und Peiniger bekämpften? Schwierig. Ein Minenfeld. Bauchschmerzen.

Spätestens hier schließt sich die antikommunistische Querfront. Die emanzipatorischen, ideologiekritischen und aufgeklärten Commünisten, die selbst bei Lenin Verschwörungstheorien vermuten, sind sich nicht zu blöd, ernsthaft totalitarismustheoretisch zu argumentieren. Schließlich sei Stalin selbst Antisemit gewesen. Quelle: Trotzki. Der Kernvorwurf ist jedenfalls, dass der Bolschewismus eben das nicht war, was jeder Nazi schon immer zu wissen glaubte: eine rein jüdische Affäre zur Durchsetzung zionistischer Interessen.

Zurück zum Vorfall. Urheber des gezeigten Motivs ist Daniel „classless“ Kulla. Obwohl schon vielfach erledigt (s. Blogroll), meint er sich rechtfertigen zu müssen:

Wenn jemand behauptet, es würde sich bei Gesellschaften wie der DDR oder der UdSSR um den Kommunismus gehandelt haben oder daß es in der KDVR oder China heute den Kommunismus gäbe, wenn also Ziel und Weg in eins gesetzt werden und die Realität dieser Gesellschaften zum angestrebten Ergebnis erklärt wird, antworte ich darauf mit der Refrainzeile aus “Kommunismus – kleine Geschichte wie endlich alles anders wird” von Bini Adamczak: Nein, das war bzw. ist nicht der Kommunismus – es gab und gibt dort Staaten, Klassen, Lohnarbeit und Geld. Mehr ist damit zunächst nicht gemeint.

Die sozialistischen Bewegungen und Staaten waren insofern bisher kein Kommunismus, als daß sie ihn im Sinne der Zielvorstellung nicht erreicht haben, als daß die staaten- und klassenlose, herrschaftsfreie Weltgesellschaft nicht eingerichtet, das Kapitalverhältnis nicht aufgehoben, die Lohnarbeit nicht abgeschafft wurde.

Ein ähnliches Muster. Nur wird hier der antikommunistische Vorwurf der Nichtidentität von Sozialismus und Kommunismus ernstgenommen und selbst aufgegriffen. Erwartet wird, dass der Kommunismus als deus-ex-machina auf die Bühne der Geschichte tritt um die Menschheit zu erlösen. Der Kommunismus ist aber nicht Godot. Alle die das denken müssen beim Warten irre werden.

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Einsortiert unter:Anarchismus, Antisemitismus, , , , ,

12 Responses

  1. Booga sagt:

    Das Gulag ist immer die logische Folge linker kollektivistischer Ideologie, nicht etwa seine Abweichung.

  2. classless sagt:

    Ach je – du schon wieder.

    Der nächste Satz nach den aus meinem Blog zitierten lautet: „Dieser Umstand war und ist in diesen Bewegungen und Staaten ein Allgemeinplatz, die Übergangsphase des Sozialismus wurde stets deutlich vom noch einzurichtenden Kommunismus unterschieden.“

    Das waren und sind dann also alles selbst Antikommunisten?

    • bechstein sagt:

      Kleiner Exkurs. Der Satz: „Oh, du bist ja behindert!“ beispielsweise kann in verschiedenen Situationen fallen; bedeutet dann auch jeweils etwas anderes, wobei Betonung, Sprecher, Tonfall, Mimik, Gestik etc. dem Satz überhaupt eine Form geben, der den Inhalt erst so verständlich machen kann.

      Du tust gerade so, als würde der Satz „Nein, nein, daaas ist niiiicht der Kommunismus!“ – den übrigens kein (für dich: „echter“) Kommunist je SO (s.o.) aussprach oder aussprechen würde – einen Gehalt haben, der dem Satz selbst irgendwie metaphysisch eigen ist. Ich verstehe ja, dass ein grundlegendes Unverständnis von Sprache, eine Negation von Kontext (Sinn) und Autorenschaft (Standpunkt) nötig sind, um mit Texten „Cut-Ups“ zu machen oder wie auch immer man dieses neo-neo-neo-retro-dadaistisch-faschistische Gewölle nennt. Die gleiche Hirnrissigkeit anderen zu unterstellen ist extrem frech.

      Der genannte Satz schließlich, wie er auf dem Transparent steht, mit zweifacher Verneinung, Lenin, Stalin und Mao als Verbrecher gekennzeichnet (Marx und Engels denkt man sich dazu, dem nicht geremixtem Kontext entsprechend, der Platz ist ja sogar freigehalten) ist eindeutig antikommunistisch.

      Bis ins Detail. Das Wort „Kommunismus“ ist in einer absolut barbarisch-degenerierten Schrift gesetzt, sodass selbst das letzte Ketamin-Opfer versteht, was hier mit „Kommunismus“ gemeint ist. Deutlicher wäre es nur noch, wenn man sich beim Drucken die Farbe gespart hätte um das Wort spontan und direkt drauf zu kacken.

      • classless sagt:

        „Du tust gerade so, als würde der Satz (…) einen Gehalt haben, der dem Satz selbst irgendwie metaphysisch eigen ist.“

        Das denke ich nicht. Du hast mich zitiert und ich äußere mich dazu.

        „Marx und Engels denkt man sich dazu“

        Klar, wenn du da noch was anderes siehst als da ist, ändert das vermutlich die Bedeutung.

      • Peter M. sagt:

        Find‘ ich schön, sowas.
        Da werden alle rethorischen Taschenspielertricks ausgeschöpft, um die, die den Kommunismus gegen den größten antikommunistischen Mörder aller Zeiten und seine Spießgesellen zu verteidigen versuchen, selbst zu Antikommunisten brandzumarken.

        Es ist schon richtig lustig, was ihr alles in den „Tonfall“ oder die Schrift eines Plakats hineinzuinterpretieren versucht, nur damit euer Weltbild hinterher wieder stimmt. Aber wenn du in einer Reihe von Lenin, Stalin und Mao gleich krankhaft Marx und Engels dazuphantasieren musst, dann solltest du nicht schauen, ob du nicht den Liberalen beitreten willst, die sehen das nämlich genauso (siehe auch die ersten paar Kommentare hier).

        Aber der eigentlichen, objektiven Aussage des Plakats könnt ihr ja nicht widersprechen, daher versucht ihr es ja nicht mal. Stalin und Co. haben nicht im Sinne des Kommunismus gehandelt. Sie brachen mit entscheidenden Grundsätzen des Marxismus, errichteten staatskapitalistische Systeme, totalitäre bürgerliche Staaten und entfernten die Welt insgesamt weiter von jeder kommunistischen Revolution. Daher war es der bürgerlichen Gesellschaft schon immer ein Anliegen, die kausale Verknüpfung jener Ideologien in den Bewusstsein der Massen mit der einzigen ernstzunehmenden oppositionellen Kraft, die ihrer Herrschaft gefährlich werden könnte, voranzutreiben.

        Und wenn Leute regelmäßig ausgerechnet das Andenken an bedeutende ermordete Kommunisten missbrauchen, um diese Agenda voranzutreiben (ob nun absichtlich oder nicht ist ja egal), dann ist es wichtig, dass es Leute gibt, die dem Kontra geben.

        Aber eigentlich zeigt schon allein der Ablauf dieser Konfrontation allein, wer hier auf der rechten Seite steht. Faschismus war ja schon immer eine Ideologie der Tat.

  3. LW sagt:

    „…wenn also Ziel und Weg in eins gesetzt werden.“ (classless Kulla)

    Tja, so sieht sie aus, die Welt aus der Sicht von Antidialektikern.

    Und das wiederum ist die Dialektik der Doofen:

    „Es war aber auch nicht einfach nicht der Kommunismus, insofern es sich um die Projekte von Kommunistinnen handelte, den Kommunismus einzurichten, mit welchen womöglich unangemessenen oder untauglichen oder per se falschen Mitteln jeweils auch immer.“ (ebenfalls classless Kulla)

    Die Frage an ihn, warum er denn damit seinem zentralen Banner-Slogan selber widerspricht, bzw. dann wenigstens nicht auch noch ein „Ja ja, es ist nicht NICHT der Kommunismus“ auf die Flagge hinzusetzt, erübrige ich mir hier mal im Interesse von uns allen, mir ist nämlich schon übel genug.

  4. bechstein sagt:

    @ Kulla:

    „Klar, wenn du da noch was anderes siehst als da ist, ändert das vermutlich die Bedeutung.“

    Ich wüsste ein gutes Aussteigerprogramm für Linksextreme: Drogenentzug und Deutschkurs für Anfänger (Was sind Verben? Warum gibt es so viele davon und was bedeuten sie?).

    @ Peter:

    Und wenn man aus der Hakenkreuzfahne den Kreis in der Mitte rausschneidet hat man die Arbeiterfahne, nicht wahr?

    „Es ist schon richtig lustig, was ihr alles in den „Tonfall“ oder die Schrift eines Plakats hineinzuinterpretieren versucht, nur damit euer Weltbild hinterher wieder stimmt. Aber wenn du in einer Reihe von Lenin, Stalin und Mao gleich krankhaft Marx und Engels dazuphantasieren musst, dann solltest du nicht schauen, ob du nicht den Liberalen beitreten willst, die sehen das nämlich genauso (siehe auch die ersten paar Kommentare hier).“

    Ja du hast recht. Die hätten das ja auch so schreiben können, dass es aussieht wie Runen. Steht ja dann trotzdem das gleiche Wort da.

    Marx und Engels haben Philosophie betrieben. Sie wollten unbedingt alles kritisieren. Weil ihnen das Spaß gemacht hat. Marx hätte Lenin 1917 bestimmt auf die Finger gehauen und gesagt: „Wir könnten zwar jetzt den bürgerlichen Staat zerschlagen, aber wir sollten die Bourgeoisie noch hundert Jahre an der Macht lassen, damit die Russland erstmal ordentlich industrialisieren.“ Lenin, Stalin und Mao haben Marx und Engels komplett falsch verstanden, weil sie einfach keine Checker waren (sondern Liberale!). Zum Glück haben wir heute die Neue Marx Lektüre und Robert Kurz und all die anderen die uns erklären was eigentlich in diesen vielen blauen Büchern drinsteht und was Marx und Engels bzw. nur Marx ohne Engels Verfälschung bzw. der junge Marx ohne die Verfälschung des älteren wirklich meinte, ohne da jetzt was dran rum- oder reininterpretieren zu müssen.

    „Aber eigentlich zeigt schon allein der Ablauf dieser Konfrontation allein, wer hier auf der rechten Seite steht. Faschismus war ja schon immer eine Ideologie der Tat.“

    Genau. Jeder, der ne Ideologie hat und andere haut ist ein Faschist. Peace!

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